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Vita brevis, ars longa

Hinterher ist's nicht mehr schlimm:
Was unsere Altvorderen ihren Gestorbenen in den Tod nachriefen

De mortuis nil nisi bene – von Toten soll man nur Gutes reden, heißt es. Womöglich ist das der Grund, warum heutzutage auf den Grabsteinen nichts mehr steht außer nichtssagenden Namen. Daß dem nicht allerweil und -wärts so war, belegt ein Büchlein des Titels »Hier liegen meine Gebeine, ich wollt' es wären Deine«, in welchem Enno Hansing »Grabinschriften für alle Fälle« versammelt hat: »Wahrheiten, Hinweise auf Fehler und Schwächen, die keinem Lebenden gesagt, sondern allenfalls über Lebende getuschelt werden.« Wohl wahr, ein Kompendium von echten Inschriften über zänkische Frauen, versoffene Männer, ungehobelte Klötze, gefräßige Fettwänste, »Spitzbuben« und andere »Sündenlümmel« sowie, immer wieder, geschwätzige Weiber: »Ihr böser Mund schuf viel Beschwerde. / Nun ist er ihr gestopft – mit Erde.«

Sittsame Jungfrauen werden »beweint vom einzigen Sohn«; Selbstmörder höhnisch bemitleidet: »Hier liegt der Gruber Florian, / der hat ein Leid sich angetan / indem er heftig sich erschoß / was hinterher ihn arg verdroß.« Zu spät. Beendet hat der »grimmig Todt« auch so manchen dauerhaften Ehestreit; ob indes für immer, steht dahin: »In diesem Grab liegt Anich Peter. / Die Frau begrub man hier erst später. / Man hat sie neben ihm begraben, / wird er die ew'ge Ruh nun haben?« Kein Klischee kommt zu kurz. Anwälte, Schneiderlein, Köche – alle bekommen ihr Fett weg, Ärzte sowieso: »Hier ruht der liebe Arzt, Herr Frumm / Und die er heilte rings herum.«

Indes, sind dies nun Zeichen letzten Aufbegehrens gegen den Ernst des Lebens, ja den bitteren Ernst des Todes? Oder eher humorvollen Hinnehmens, ja füglichen Dreinschickens in das, was einem aufgesetzet ist? Wie auch immer, die Epitaphe zeugen, wenn schon nicht von Gottvertrauen, so doch von Zuversicht auf ein besseres Leben nach dem Tod. Und wenn das nur darin besteht, daß man endlich seine wohlverdiente Ruhe hat. Das Schlimme am Tod ist eigentlich nur das Sterben – und daß er uns immer dann derpackt, wenn's uns halt grad so gar nicht paßt: »Die Zeit geht hin, der Tod kommt her, / Ach wer nur immer fertig wär!« Memento mori! Ist's aber erst passiert, ist's nimmer schlimm: »Das Sterben ist bitter, / Das Gestorbensein süß.« Zumal dann, wenn so eine schöne Inschrift auf dem Grabstein prangt. Schließlich wird man so der Nachwelt präsentiert – auf ewig. »Hier liegt ein Epigrammenschreiber, / Der über Ärzt' und Weiber / Im Leben immer losgezogen, / Sie rächen sich an ihm darum: / Sein Weib hat ihn betrogen, / Sein Doktor bracht' ihn um.« Da tut man gut daran, sein Epigramm mal besser selber zu verfassen, so wie Dichter Heinrich Mühlpfort: »Mein Leser, weine nicht um bei meinem leichestein / Vergeuß nur anderswo die andachtsvollen Zähren! / kannst du mir frisches bier und guten wein gewähren, / So will ich schon mit dir zufrieden sein.« Allein, böse Spötter haben ihm noch eine zweite Grabschrift verfaßt und verpaßt: »Neun Worte und nicht mehr / soll dieses Grabmal haben: / ›Hier unter diesem Stein / liegt Durst und Gicht begraben.‹«

Der Tod macht nicht viel Federlesen
Ubikugelt, hin gewesen!
's Leben ist ein großer Mist!
Gelobt sei Jesus Christ!

Verfaßt wurden derlei Nettigkeiten zumeist von »Schulmeistern, Pfarrern oder sonstigen schreibgewandten Mitmenschen.« Doch auch die großen Dichter ließen sich nicht lange bitten. Ludwig Tieck schrieb eine devote Ode auf Prinz Louis Ferdinand von Preußen, welche einzurücken nicht nur der Platzmangel verbietet. Und Goethe schrieb für Anna Amalia von Weimar: »Erhabenes verehrend, / Schönes genießend, / Gutes wirkend.« Schöner und genußreicher, weil eben etwas grobgewirkter, sind da aber allemal die von Vox popoli parlierten-parierten Fälle; und mehr Fallhöhe vom Erhabenen ins Banale bieten sie sowieso – mitunter sogar samt Resümee und Umkehrung: »Der Tod macht nicht viel Federlesen, / Ubikugelt, hin gewesen! / 's Leben ist ein großer Mist! / Gelobt sei Jesus Christ!« Manch Steckenpferdpoet hat, weil wieder mal ein Schuß von »ohngefähr« einen Jägersmann darniederstreckte, dem Reimzwang sich willig beugend, gar Morgenstern vorweggenommen, und »... nannt' ihn oben Rupert Huß, / um hinzuweisen auf den Schuß, / doch hieß er in der Tat Franz Leim, / das aber paßte nicht zum Reim. / ...«

Wo aber hehre Kunst und Volkskunst so eng beieinander liegen, da liegt auch die Kritik nicht fern: »Wäg' ihn, Gott, am jüngsten Tage / mit der allerschärfsten Waage, / laß an ihm kein gutes Haar, / ganz wie er mit andern war.« Und so hofft der Kritiker zumindest ein Teil seiner Schuld wieder wettmachen zu können, indem er, obschon ja an dem einen oder andern Text rein formal das eine oder andere auszusetzen wäre, dem Sammler großes Lob ausspricht für sein verdienstvolles Werk. Ihr aber, Leser, gehet hin und leset dieses Buch, das Trost bescheren wird euch sowie manchen Lacher und am End vielleicht gar Inspiration – auf daß diese Tradition wieder fröhliche Urständ feiern möcht! Denn darauf also heißen wir uns hoffen. Amen.

Hier liegen meine Gebeine, ich wollt' es wären Deine: Grabinschriften für alle Fälle. Gesammelt von Enno Hansing. Verlag Peter Kunze, Bremen 1996, 111 S., DM 20

junge Welt 278/96

© Ludwig Lang, September 1999 – Oktober 2020  oben